„Sei ein Teilchen“
Unternehmen im Gespräch – Nancy Bechmann, Geschäftsführerin der Marketingagentur „Be a part“, setzt aufs Miteinander
VON JULIA LUMMA
Im „Be a part“-Büro in Darmstadt-Eberstadt herrscht eine angenehme Stimmung: Im Hintergrund läuft Musik, die neun festen Mitarbeiter der Marketingagentur gehen offen und freundlich miteinander um. An den Wänden hängen Postkarten mit netten Botschaften, Blumen stehen auf den Fensterbänken. Ein Flair zum Wohlfühlen, so möchte Geschäftsführerin und Gründerin Nancy Bechmann (31) das Miteinander am Arbeitsplatz gestalten.
Bechmanns Konzept scheint aufzugehen. Konzentriert hat sie sich auf Produktpräsentationen vor allem in der Elektrokleingerätebranche. Im Geschäftsjahr 2009 steigerte sie den Honorarumsatz von „Be a part“ um 17 Prozent auf mehr als zwei Millionen Euro. In diesem Jahr soll ein Tochterunternehmen im französischen Avignon gegründetwerden. Ein freier Mitarbeiter ist bereits vor Ort. Auch in Österreich möchte sie sich etablieren.
Unglücklich beim alten Arbeitgeber
Wenn Nancy Bechmann von ihrer Agentur spricht, glänzen ihre Augen. Vielleicht liegt es daran, dass die Wahl-Eberstädterin sich in ihrer neuen Aufgabe wohl fühlt. Seit 2000 ist die Betriebswirtin, die ursprünglich aus der Nähe von Magdeburg kommt und nach ihrer Ausbildung zur Kauffrau im Einzelhandel zum Studium nach Fulda und Darmstadt ging, in der Branche tätig. Doch in ihrer alten Agentur war sie nicht glücklich. „Vertrauen und Ehrlichkeit gab es da nicht“, blickt Bechmann zurück. Kollegen verließen die Agentur. Auch sie beschloss im Dezember 2007 wegzugehen.
Und sie hatte Glück: Der Kaffeemaschinenhersteller Saeco fragte bei ihr an, ob sie die Promotion für die Saeco-Produkte übernehmen könne. Das machte die Existenzgründung einfacher – und schnell: Innerhalb von vier Wochen gründete Bechmann „Be a part“, fand Büroräume, stellte fünf Mitarbeiter und zwei Auszubildende ein. Letztere bezahlt sie nach Tarifvertrag.
Das Startteam hat sich bis heute kaum verändert – schließlich kannten sich die meisten schon vor ihrem vorherigen Arbeitgeber.
Teambildung und Coaching, das ist der Chefin wichtig. So müssen sich Bechmanns Mitarbeiter auch mal bei einem Seminar gegenseitig stärken, so dass am Ende jeder über 1000 Grad Celcius heiße Kohlen läuft.
Im Büro wird mittags gemeinsam gekocht, am liebsten Spinat, Spiegeleier und Kartoffeln. Im Sommer ist auf der büroeigenen Terrasse grillen angesagt. Dabei entstehen oft neue Ideen. Dass Familie und Freunde dazu stoßen, gehört zum Agenturleben dazu. Schließlich ist auch Bechmanns Patenkind, die acht Monate alte Félice, regelmäßig da. Und Bruder Ron arbeitet als Projektmanager. „Wir sind hier sehr familiär“, sagt Mitarbeiterin Julia Lunderstädt.
Nancy Bechmanns Anspruch ist folgender: Jeder soll sich wohlfühlen, zufrieden sein, damit er gute Arbeit leisten kann. Aufgaben werden den Stärken und Schwächen entsprechend verteilt, und jeder wird eingebunden, wenn es um die Organisation oder Einrichtung des Büros geht. Externe Beratung ist der Chefin wichtig – aus Angst, „abzudriften“, wie es in vielen anderen Agenturen vorkommt. So hat in diesem Jahr jeder Mitarbeiter zwei Einzelcoachings.
„Be a part“ geht es gut. „Wir müssen kaum Aufträge akquirieren, wir haben viele Anfragen“, sagt Nancy Bechmann. Sie leistet es sich, auch mal abzulehnen. „Ich werde nicht um jeden Preis Aufträge annehmen.“ Die Perfektionistin möchte gute Arbeit leisten. Wenn ein Unternehmen und sein Produkt nicht zu ihrer Firma passe oder sie zu viel andere Projekte habe, käme es vor, dass sie Angebote ablehnt. Gerne verlässt sich Bechmann bei solchen Entscheidungen auf ihr Bauchgefühl: „Das ist ein Frauending.“
Da gab es eine Versicherung, die die Dienste von „Be a part“ in Anspruch nehmenwollte. „Hinter Versicherungsprodukten kann ich nicht stehen“, begründet Bechmann die Ablehnung. Hinzu komme, dass ihre Fachberater nicht auf Provisionsbasis arbeiten würden, dies aber meist von den Versicherungen gewünscht sei. Auch stimmte die Geschäftsführende Gesellschafterin der Promotion von Digitalkameras nicht zu, weil der veranschlagte Preis nicht eingehalten werden konnte und so die Qualität gelitten hätte.
Auch möchte die Einunddreißigjährige sich nicht zu sehr an einzelne Konzerne binden. Das sagt sie offen, etwa gegenüber dem Konzern Philips, der im Juli 2009 Saeco übernommen hat und somit nun die Beratung von „Be a part“ nutzt.
Kommt ein neuer Kunde dazu, werden persönliche Gespräche geführt, Konzepte entwickelt und Präsentationen erstellt. Bevor Promoter in Märkten oder auf Messen das Produkt an den Verbraucher bringen, werden sie geschult. „Sie sollen sich mit dem Produkt identifizieren und es richtig präsentieren“, beschreibt Bechmann ihre Anforderungen.
Standards mag sie nicht, dafür umso mehr die Liebe zum Detail. So läuft in der Warteschleife ein eigenes komponiertes Lied vom Darmstädter DJ Tom Wax. Zu Weihnachten erhalten Kunden und Mitarbeiter individuelle Geschenke. Da gibt es Hörbücher für Außendienstmitarbeiter und Puzzleteile für den Fachberater, der in Anspielung an den Firmennamen auch mal mit „Hallo Teilchen“ angesprochen wird.
Auf der Suche nach neuen Lösungen
Gemeinsam mit ihren Mitarbeitern und Kunden sucht Nancy Bechmann nach neuen Lösungen. Entstanden ist so ein „Training at home“-Konzept: Mitarbeiter kommen zu dem Käufer eines Kaffeevollautomaten nach Hause, erklären ihm,wie das Gerät funktioniert. „Wir wollen damit eine Vertrauensbrücke schaffen zum Internethandel“, erklärt Bechmann. Das Konzept stößt auch bei anderen Internethändlern auf Interesse, weil es, so Bechmann, eine Dienstleistung in dieser Art bisher nicht gegeben habe. Selbst Amazon habe mittlerweile Interesse daran bekundet.
Trotz des Erfolges hatte „Be a part“ 2009 zu kämpfen. Kunden bezahlten ihre Rechnungen nicht. „Gerade im ersten Jahr waren wir von denen noch abhängig“, blickt Bechmann zurück. Doch mit einem guten Netzwerk konnte das Problem gelöst werden. So sucht Nancy Bechmann zum Sommer zwei neue Azubis für Marketingkommunikation und möchte ihr Team eventuell um eine Projektassistenz erweitern.
